Nur wenige Bonbons sind so tief in Schweizer Kindheitserinnerungen verwurzelt wie Sugus. Die knallbunten Kaubonbons gehören seit Jahrzehnten zum Alltag, von der Büroschüssel bis zur Geburtstagsparty, und haben sogar neun Wohnhäusern in Zürich ihren Namen gegeben. Doch die nostalgische Leckerei sieht sich nun mit einer unerwarteten Gegenreaktion konfrontiert.
Der US-Lebensmittelriese Mars Wrigley, zu dem neben bekannten Namen wie M&M’s, Snickers und Skittles auch Sugus gehört, hat im Stillen die Rezeptur geändert. Die Änderung, die das Produkt modernisieren sollte, hat stattdessen eine Welle der Enttäuschung unter treuen Fans ausgelöst, die sagen, dass die Süßigkeiten nicht mehr wie früher schmecken.
Ein “gesünderes” Rezept, das nicht gut ankam
Auf den ersten Blick klingt die Änderung harmlos, ja sogar fortschrittlich. Sugus ist jetzt offiziell glutenfrei und vegetarisch, ein Schritt, der Mars Wrigleys allgemeinen Vorstoß in Richtung pflanzlicher und “sauberer” Zutatenlisten widerspiegelt. Das Unternehmen stellte die Änderung als Versuch dar, sich an die sich verändernden Kundenpräferenzen und Umweltziele anzupassen.
Doch die Reaktionen in der Schweiz sprechen eine andere Sprache. Die Fans merkten sofort, dass etwas nicht stimmte, als die neue Version Anfang dieses Jahres in die Regale kam. Die Textur veränderte sich, der Geschmack schien anders zu sein, und die Nostalgie wich der Enttäuschung.
Kurt Schwendener von sweets.ch berichtet, dass er mit Beschwerden überschwemmt wurde – mehr als 500 E-Mails und fast 200 kritische Facebook-Kommentare seit Januar. “Die Rückmeldungen waren zu 100 Prozent negativ, einige davon sehr heftig”, sagte er. Auch die Verkäufe brachen ein: “Wir haben nun beschlossen, den Verkauf von Sugus ganz einzustellen.”
Einzelhändler spüren den Rückgang
Die Aufregung war nicht auf die Fachgeschäfte beschränkt. Die grossen Schweizer Detailhändler
Mit anderen Worten: Der neue “moderne” Sugus hat es nicht geschafft, die öffentliche Meinung zu versüssen. Was Mars Wrigley als nachhaltiges Upgrade bezeichnete, ist für viele Schweizer Konsumenten das Ende eines geliebten Klassikers. Das Unternehmen hält an seiner Entscheidung fest und betont, dass die neue Rezeptur besser auf globale Trends und Ernährungsbedürfnisse abgestimmt ist.
Vegan liegt im Trend, gedeiht aber nicht immer
Sugus ist nicht die erste kultige Marke, die ihre Zutaten überdenkt. Ein breiterer Wandel hin zu pflanzlichen und veganen Produkten hat die Lebensmittelbranche umgestaltet, selbst bei Traditionsmarken, die für ihre traditionellen Rezepte bekannt sind.
Schweizer Getränkehersteller Rivellahat zum Beispiel im März 2024 eine vollständig vegane gelbe Version seines berühmten Getränks auf den Markt gebracht. Das neue Rivella ist laktosefrei und enthält rund 40 Prozent weniger Zucker als die klassische rote Variante – ein klarer Versuch, jüngere, gesundheitsbewusste Konsumenten zu erreichen.

Der italienische Süßwarenriese Ferrero hat mit der Einführung von Nutella Plant-Based, einer veganen Variante seines legendären Haselnussaufstrichs, ebenfalls für Aufsehen gesorgt. Es ist die erste größere Änderung des 60 Jahre alten Rezepts, obwohl die vegane Version bisher nur in ausgewählten europäischen Ländern eingeführt wurde, noch nicht in der Schweiz.
KitKats veganes Glücksspiel, das sich nicht ausgezahlt hat
Nicht jedes Experiment auf pflanzlicher Basis war ein Erfolg. Als Nestlé das KitKat V im Jahr 2022 auf den Markt brachte, war die Reaktion zunächst vielversprechend. Vegane Verbraucher in ganz Europa begrüßten die Idee, und das Unternehmen kündigte Pläne für eine vollständige kontinentale Einführung an.
Doch die Begeisterung ließ schnell nach. Anfang 2025 gab Nestlé zu, dass die Nachfrage zurückgegangen war und die Produktionskosten zu hoch waren. Im Januar kündigte das Unternehmen an, dass KitKat V in allen Märkten außer Großbritannien eingestellt werden würde. Für viele Beobachter war dies eine Erinnerung daran, dass vegane Alternativen zwar eine wachsende Nische ansprechen, aber selten die emotionale Bindung der Originale erreichen.
Ricola: Ein Pionier, ohne sich anzustrengen
Interessant, Ricolaeine der beliebtesten Süsswarenmarken der Schweiz, nie “vegan” werden müssen. Die berühmten Kräutertropfen sind seit ihrer Erfindung im Jahr 1930 laktosefrei und pflanzenbasiert. Was einst ein einfaches Rezept war, das auf Kräutern und Zucker basierte, ist heute seiner Zeit erstaunlich weit voraus.

Die ruhige Beständigkeit von Ricola kontrastiert mit den Turbulenzen um Sugus und verdeutlicht eine einfache Wahrheit: Nicht jedes Produkt profitiert von einer Neuerfindung. Manchmal ist die Tradition selbst das Rezept für den Erfolg.
Ein bitterer Nachgeschmack für einen süßen Klassiker
Für Generationen von Schweizer Bonbonliebhabern war Sugus mehr als nur ein Snack. Es war ein Stück kulturelle Identität. Deshalb hat die stille Änderung der Rezeptur einen Nerv getroffen. Während Mars Wrigley das Update als Fortschritt in Richtung Inklusion und Nachhaltigkeit sieht, empfinden Fans es als den Verlust eines vertrauten Geschmacks, der sie mit ihrer Kindheit verbindet.
Die Kontroverse um Sugus spiegelt ein breiteres Spannungsfeld in der Lebensmittelindustrie wider: den Kampf um Modernisierung, ohne treue Verbraucher zu verprellen. Es bleibt abzuwarten, ob die Gegenreaktion Mars Wrigley zum Umdenken bewegen wird oder ob die Zeit die Meinungen versüßen wird. Aber im Moment scheint das Land, das dazu beigetragen hat, Sugus zu einer Ikone zu machen, seinen Geschmack daran verloren zu haben.
